Extreme Armut – Definitionen

Kannst du dir vorstellen mit nur 2 Dollar pro Tag auszukommen? Wärst du in der Lage ein glückliches Leben zu führen, während du auf der Straße wohnst, Mahlzeiten ausfallen lässt und versuchst den nächsten Tag zu überleben?

Wahrscheinlich nicht.

Diese Serie an Blogeinträgen versucht ein besseres Verständnis von extremer Armut zu vermitteln. Als erstes konzentrieren wir uns auf die Definition und die unterschiedlichen Messmethoden. Mit einem groben Überblick über die verfügbaren Werkzeuge, diskutieren wir dann mögliche Ursachen und werfen einen Blick auf die Daten zur historischen Entwicklung und den demographischen Eigenschaften von extremer Armut. Als letztes untersuchen wir aktuelle Maßnahmen im Kampf gegen Armut und versuchen mögliche zukünftige Vorgehensweisen zu erarbeiten.

Dieser Blogeintrag behandelt die Definition und die Messmethode. Die Schlüsselelemente dabei sind:

  • Internationale Armutsgrenze
  • Armutsquote
  • Poverty Gap Index
  • Absolute Poverty Gap
  • Multidimensionaler Armutsindex

Diese Begriffe werden wir jetzt genauer spezifizieren:

Extreme Armut ist durch die internationale Armutsgrenze definiert. Diesem Grenzwert folgend, leben alle Menschen mit einem Einkommen bzw. mit Konsumausgaben unter 1.90 internationalen Dollar pro Tag in extremer Armut. Die internationale Armutsgrenze wird von der Weltbank berechnet und basiert auf verschiedenen nationalen Armutsgrenzen. Diese werden durch die Kosten der Konsumgüter gebildet, die in dem jeweiligen Land und vor allem von der dort lebenden Gesellschaft als lebensnotwendig angesehen werden. Armutsgrenzen reicher Industrieländer weichen aufgrund der höheren Lebensstandards also signifikant von den Armutsgrenzen in Entwicklungsländern ab. Wissenschaftliche Studien über nationale Armutsgrenzen haben gezeigt, dass 15 der ärmsten Länder der Welt sehr ähnliche Grenzwerte für ihre Definition von Armut nutzen. Um sich auf die extremste Form von Armut zu konzentrieren, berechnet die Weltbank die internationale Armutsgrenze als den Mittelwert der nationalen Grenzen in diesen 15 Ländern.

Es ist sehr wichtig die 1.90 internationalen Dollar von normalen US Dollar zu unterscheiden. Die internationale Armutsgrenze basiert nämlich auf dem Prinzip der Kaufkraftparität (KKP). KKP Wechselkurse werden vom International Comparison Program (ICP) berechnet und ergeben sich aus dem direkten Vergleich zweier Warenkörbe in Ländern mit unterschiedlichen Währungen. Die grundlegende Theorie ist, dass man mit einem bestimmten Geldbetrag in jedem Land in der Lage sein sollte, dieselbe Menge und Qualität an Waren zu kaufen. Da die üblichen Währungskurse Spekulationen und Inflationseffekten unterliegen, ist diese Gleichheit nicht mehr gegeben: Abhängig von der verwendeten Währung kommt es zu großen Unterschieden in der Kaufkraft. So kann man in manchen Teilen Asiens beispielsweise sehr viel billiger leben als man es von Deutschland gewohnt ist. Ein Grund dafür sind die im Vergleich zum Euro schwächeren Währungen in diesen Ländern.

Wenn man hingegen die, fast ausschließlich auf dem Warenvergleich basierenden, KKP Wechselkurse benutzt, wird man für einen bestimmten Geldbetrag überall auf der Welt die gleiche Menge an Waren erhalten. Diese Wechselkurse sind unabhängig von spekulativen Einflüssen, bieten daher eine stabile Alternative zu den üblichen Währungskursen und ermöglichen globale Preisvergleiche.

Eine etwas genauere Einführung in das Thema der Kaufkraftparität bieten dieses Video und diese kurze Zusammenfassung des Themas.

Die untere Grafik zeigt den Unterschied zwischen den Wechselkursen anhand eines Beispiels. Ein Warenkorb in den USA für $5, und derselbe Korb in Europa für 3€. Wenn man nun den üblichen Wechselkurs zwischen USD und EUR benutzt (zu diesem Zeitpunkt ca. 0,84) kommt man auf andere Kosten: man erwartet einen Preis von 4,2€ für den europäischen Warenkorb. Diesen Unterschied, der zum großen Teil aus Spekulationen und Inflationseffekten resultiert, kann man nun durch den KKP Kurs ausgleichen. Dieser wird so berechnet, dass der er den Preisunterschied widerspiegelt.

 

Beispiel, um den Unterschied zwischen den üblichen Währungskursen und den KKP Wechselkursen zu verdeutlichen

 

Um Veränderungen in Lebensstandards und neu berechnete KKP Kurse zu berücksichtigen, muss die internationale Armutsgrenze von Zeit zu Zeit angepasst werden. Der aktuelle Wert von 1.90 int.-$ wurde im Oktober 2015 herausgegeben und basiert auf KKP Kursen von 2011.

Zusammengefasst bietet die internationale Armutsgrenze also einen Schwellenwert, um extreme Armut durch ein Einkommen unter 1.90 int.-$ zu definieren. Unabhängig vom Wohnort, oder der verwendeten Währung, sind die Menschen in extremer Armut also kaum in der Lage sich eine tägliche Mahlzeit zu leisten und haben nicht genug Geld für Unterkunft, Kleidung und andere grundlegende Bedürfnisse.

Da man sich kaum vorstellen kann wie diese Menschen leben müssen, empfehle ich einen Besuch auf der Dollar Street von Gapminder.org. Das von Anna Rosling Rönnlund gegründete Projekt enthält Bildgalerien von über 264 Wohnorten in über 50 Ländern und ermöglicht es, Lebensstandards unterschiedlicher Einkommensklassen im direkten Vergleich zu betrachten. Vielleicht bekommt man auf diese Weise einen kleinen Einblick in das Leben ärmerer Menschen.

Ausgerüstet mit einer Möglichkeit extreme Armut zu definieren, können wir uns jetzt grundlegenden Messmethoden für das Vorkommen und die Intensität von Armut aneignen.

Zuerst der intuitivste Weg: das bloße Zählen der Menschen mit einem Einkommen unter der internationalen Armutsgrenze. Diese Anzahl geteilt durch die Bevölkerungszahl des untersuchten Gebiets oder Landes stellt die Armutsquote dar: den Anteil an Menschen die mit weniger als 1.90 int.-$ pro Tag leben müssen. In der folgenden Grafik sind die Schätzungen der Weltbank für die Armutsquoten einzelner Länder zu sehen. Durch Bewegen des Sliders und durch die Schalter unter der Karte können die zeitliche Entwicklung bzw. die Diagrammdarstellung der vorhandenen Daten betrachtet werden. Alle Grafiken in diesem Post wurden in einem Eintrag über extreme Armut auf „Our World in Data“ von Max Roser veröffentlicht, eine Online-Publikation mit dem Ziel, durch wissenschaftliche Daten einen globalen Überblick über die langfristigen Entwicklungen unseres Planeten zu geben.

 

Da dieser Blogeintrag sich nur mit den grundlegenden Messmethoden im Zusammenhang mit extremer Armut beschäftigt, werden wir hier nicht näher auf das Diagramm eingehen, sondern die Diskussion der Daten auf den nächsten Blogeintrag verschieben.

Die Armutsquote enthält keine Information über die Intensität von Armut, sie gibt lediglich Aufschluss über das Vorkommen dieser. Um ein besseres Verständnis der Situation in einem bestimmten Land zu entwickeln benötigen wir daher ein anderes Messwerkzeug: den Poverty Gap Index. Um diesen Index zu berechnen, schauen wir uns zunächst an, wie viel Geld Menschen in extremer Armut täglich benötigen würden, um ein Level über der internationalen Armutsgrenze zu erreichen. Die Summe all dieser Defizite geteilt durch die Bevölkerungszahl ergibt den gemittelten benötigten Geldbetrag. Wenn wir diesen Mittelwert durch den Wert der Armutsgrenze, also durch die 1.90 int.-$ teilen erhalten wir den Poverty Gap Index, den gemittelten Prozentsatz der internationalen Armutsgrenze den die Menschen in Armut für ein Einkommen über 1.90 int.-$ täglich benötigen würden.

Die folgende Karte zeigt die länderspezifischen Schätzungen der Weltbank in Bezug auf den Poverty Gap Index.

 

 

Die Summe aller Defizite in einem bestimmten Gebiet ergibt den Absolute Poverty Gap, den täglichen Geldbetrag, der benötigt werden würde um alle Menschen in extremer Armut über die Armutsgrenze zu heben. Mithilfe dieses Betrags sind wir in der Lage, die jährlichen Kosten für die globale Ausrottung extremer Armut zu berechnen. Den Aussagen von Chandy et al. (2016) folgend, ergibt sich ein jährlicher Betrag von 90 Milliarden US Dollar. Im Vergleich mit den Militärausgaben der USA im Jahr 2015, die ca. 600 Milliarden US Dollar darstellen, ist leicht zu erkennen, dass ein Ende extremer Armut kein träumerisches Denken ist, sondern mit genügend gutem Willen tatsächlich erreichbar wäre.

Die folgende Grafik zeigt die jährlichen Kosten um die landesspezifischen absoluten Poverty Gaps zu schließen.

 

 

Nun haben wir verschiedene Methoden um sowohl das Vorkommen, als auch die relative und absolute Intensität von Armut zu beurteilen. Das Problem ist, dass all diese Werkzeuge auf Einkommen und Konsum basieren. Angesichts der Komplexität von Armut scheint das eine sehr einseitige Herangehensweise zu sein. Um unsere Untersuchungen also etwas auszuweiten, sollten wir einen weiteren Messansatz in Betracht ziehen: den multidimensionalen Armutsindex (MPI – Multidimensional Poverty Index), berechnet von der Oxford Poverty & Human Development Initiative (OPHI).

Der MPI umfasst dieselben 3 Dimensionen wie der Human Development Index (HDI): Lebensstandards, Gesundheit und Bildung. Jede dieser Dimensionen enthält gewichtete Indikatoren für mögliche Mängel (z.B. Dauer des Schulbesuchs, Kindersterblichkeit, Ernährung, Elektrizität). Menschen die in mindestens 33% dieser gewichteten Indikatoren Mängel erfahren, werden als MPI arm eingeschätzt. Der Index zeigt die Anzahl an Menschen in dieser multidimensionalen Armut und beinhaltet die Anzahl an Defiziten pro Haushalt.

Der MPI wird seit 2010 im Human Development Report des UN Entwicklungsprogramms (UNDP) herausgegeben und deckt momentan ca. 1.5 Milliarden Menschen aus über 100 Entwicklungsländern. Als wertvolles Gegenstück zu den Einkommens-basierten Messmethoden hilft der MPI den UN Institutionen bei der zielorientierten und effektiven Implementierung der Sustainable Development Goals (SDGs).

Im Vergleich mit den zuvor besprochenen Methoden können wir eine positive Korrelation zwischen dem multidimensionalen und Einkommens-basierten Ansatz erkennen. Trotzdem wird klar, dass man multidimensionale Ansätze unbedingt mit einbeziehen sollte: In der unteren Grafik gibt es mehrere Länder auf dem gleichen Einkommens-basierten Level, die sich aber bei einem multidimensionalen Ansatz stark unterscheiden (z.B. DR Kongo und Tschad oder Swasiland und Südsudan).

 

 

Da arme Menschen selbst die Armut als multidimensional beschreiben, sollten wir uns immer bewusst sein, dass Armut weit mehr ist als mit einem Einkommen unter 1.90 int.-$ zu leben.

Wir haben uns nun das grobe Verständnis verschiedener Messmethoden angeeignet und sind in der Lage, extreme Armut im ökonomischen und multidimensionalen Sinn zu definieren. Jetzt sollten wir diese Werkzeuge nutzen, um mehr über die Entwicklung und die aktuelle Demographie von Armut zu lernen.

Das wird die Aufgabe des nächsten Blogeintrags.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

Eine sehr informative und tiefgehende Publikation zum Thema extremer Armut:

  • Max Roser and Esteban Ortiz-Ospina (2017) – ‘Global Extreme Poverty’. Published online at OurWorldInData.org. Retrieved from: https://ourworldindata.org/extreme-poverty/ [Online Resource]

Informationen der Weltbank:

  • Poverty Overview – The World Bank (2016). http://www.worldbank.org/en/topic/poverty/overview

Kaufkraftparität:

  • PPP (Purchasing Power Parity) Exchange Rates. Youtube (2015). https://www.youtube.com/watch?v=S5xqBK6s4bI
  • International Comparison Program (ICP) – The World Bank. http://www.worldbank.org/en/programs/icp

Datenbanken über Armut für eigenes Interesse an länderspezifischen Datensätzen:

  • UNdata – A world of information. http://data.un.org/Default.aspx
  • PovcalNet – The World Bank. http://iresearch.worldbank.org/PovcalNet/home.aspx

Dollarstreet und TED-Talks von Gapminder:

  • Dollarstreet – Gapminder. http://www.gapminder.org/dollar-street/
  • TED Speaker Hans Rosling – TED. https://www.ted.com/speakers/hans_rosling

Der Multidimensionale Armutsindex und die Sustainable Development Goals der UN:

  • Global MPI – OPHI Oxford Poverty & Human Development Initiative. http://ophi.org.uk/multidimensional-poverty-index/
  • Sustainable Development Goals – United Nations. https://sustainabledevelopment.un.org
  • Atlas of Sustainable Development Goals 2017 – The World Bank. http://datatopics.worldbank.org/sdgatlas/

Qualitativ hochwertige Artikel zu Thema extremer Armut:

  • Global Poverty – The Brookings Institution. https://www.brookings.edu/topic/global-poverty/
  • Christine Zhang, Laurence Chandy, and Lorenz Noe, (2016), „The global poverty gap is falling. Billionaires could help close it“ The Brookings Institution. https://www.brookings.edu/blog/up-front/2016/01/20/the-global-poverty-gap-is-falling-billionaires-could-help-close-it/

 

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