Extreme Armut – Ursachen und Chancen

Das Schlüsselresultat des letzten Blogposts war, dass extreme Armut seit etwa 2 Jahrzehnten stark zurückgeht und damit weniger Menschen in extremer Armut leben als jemals zuvor. Im Folgenden widmen wir uns der Frage nach den Ursachen extremer Armut und versuchen Möglichkeiten zu finden, wie armen Menschen am besten geholfen werden kann.

Zunächst sollten wir die Fragestellung genauer formulieren. Mit dem Wissen über den Rückgang der Armut stellt sich nämlich nicht unbedingt die Frage wie es zu Armut kommt, sondern vielmehr, warum extreme Armut noch immer in so vielen Ländern auftaucht.  Mithilfe wissenschaftlicher Methoden lässt sich der Verlauf der extremen Armut bis zurück ins Jahr 1820 rekonstruieren. Man erhält eine Armutsquote von 94% der Weltbevölkerung (wobei extreme Armut mit einem Einkommen unter 2$ pro Tag definiert wurde). Extreme Armut war damals also ein überall sichtbares und vor allem alltägliches Phänomen. Erst im Zuge der Industrialisierung verbesserte sich der Lebensstandard und der Anteil an Menschen in extremer Armut wurde immer schneller reduziert. Bei ca. 705 Millionen Menschen in 2015 angekommen, beschränkt sich extreme Armut (wie im letzten Post dargestellt) größtenteils auf das Afrika südlich der Sahara, bzw. auf Indien und einige weitere Krisenherde. Wir sollten also im Hinterkopf behalten, dass extreme Armut bis vor wenigen Generationen auch in reichen Industrieländern wie Deutschland oder den USA eine große Rolle spielte und uns fragen warum das in manchen Ländern noch immer der Fall ist.

Der Effekt der Industrialisierung bringt uns gleich zu dem ersten Ergebnis, das aus mehreren wissenschaftlichen Arbeiten ersichtlich wird: Extreme Armut sinkt mit steigendem, nationalem Einkommen. Das wird auch aus der folgenden Grafik von der schon früher genannten Publikation auf „Our World in Data“ von Max Roser deutlich:

 

 

Hier wurde der Anteil der Bevölkerung in extremer Armut gegen das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt für verschiedene Länder mit hohen Armutsquoten aufgetragen. Man erkennt den Trend von oben links nach rechts unten, sprich die besagte These, dass die Armutsquote mit steigendem, nationalem Einkommen sinkt.

Ein genaueres Untersuchen der World Development Indicators der Weltbank zeigt weitere Korrelationen von extremer Armut mit der Lebenserwartung und dem Schulbesuch: Je höher die Lebenserwartung eines Landes bzw. je höher die durchschnittliche Schulbesuchsdauer, desto niedriger scheint die Armutsquote in diesem Land zu sein.

Neben diesen Korrelationen existieren eine Vielzahl weiterer Ursachen von extremer Armut und Armut generell. Beispiele für Mechanismen die einen möglichen Effekt auf das andauernde Vorkommen extremer Armut haben könnten, sind der Klimawandel, Kolonialismus, politische Systeme und Konflikte, geografische Einschränkungen, sowie das Konsumverhalten in Industrie- und Schwellenländern. Anstatt zu versuchen, den Einfluss dieser überaus komplexen Bereiche auf extreme Armut in irgendeiner Weise zu quantifizieren, sollten wir uns eher auf Belege erfolgreicher Maßnahmen gegen extreme Armut konzentrieren. Dazu folgt die zweite Grafik dieses Posts (ebenfalls von „Our World in Data“ von Max Roser):

 

 

Dargestellt sind die Resultate zweier Methoden, die extreme Armut reduzieren: Die blauen Balken zeigen die Resultate eines der effektivsten Programme zur Armutsbekämpfung und die grünen Balken die Resultate von Migration aus den genannten Ländern in die USA. Zunächst schauen wir uns das Programm zur Armutsbekämpfung an. Dieses besteht aus 6 Maßnahmen durch die arme Menschen, z.B. durch direkte Geldhilfen, regelmäßige Hausbesuche oder Sparpläne, über eine längere Zeit hinweg unterstützt werden. Die hellblauen Balken zeigen nun den Effekt dieses Programms in Form des jährlichen, durchschnittlichen Anstiegs des Konsums pro Haushalt. Die dunkelblauen Balken zeigen den gesamten Nutzen des Programms minus dessen Kosten unter der Annahme, dass die Vorteile für Immer Bestehen bleiben. Die grünen Balken zeigen den geschätzten jährlichen Gewinn durch Migration in die USA. Wie man hier sieht, bringt ein multidimensional angelegtes Hilfsprogramm insgesamt (also für das ganze Leben gerechnet) nur ca. ein Viertel so viel Nutzen wie die Gewinne durch Migration pro Jahr einbringen.

Migration in ein reicheres Land ist also ein überaus hilfreiches Mittel um extreme Armut zu senken, ist aber aufgrund der vermehrt sichtbaren Konflikte mit den Einwohnern der Zielländer leider eher nicht als groß anlegbare Lösung anzusehen.

Eine weitere potentielle Hilfe im Kampf gegen Armut sind die während der Globalisierung in Entwicklungsländern entstandenen Arbeitsplätze in verschiedensten Industrien. Diese meist nur gering bezahlten Arbeitsmöglichkeiten senken durchaus die Einkommens-basierte Armutsquote, führen dabei jedoch zu längerfristigen Problemen mit Gesundheit und anderen Bereichen des Wohlseins armer Menschen. Hier sollte man also besonders multidimensionale Aspekte berücksichtigen.

Dagegen bringen größere, gut gezielte und strukturierte Geldtransfers laut mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten, durchaus einen längerfristigen Nutzen für arme Menschen, ohne diese in anderen Bereichen zu schädigen. Diese direkten Geldtransfers zusammen mit den multidimensional angelegten Hilfsprogrammen scheinen also eine echte Möglichkeit zu sein, extreme Armut langfristig zu senken. Schaut man sich allerdings die OECD Daten für die Offizielle Entwicklungshilfe (ODA) der Industrieländer weltweit an, erhält man ernüchternde Ergebnisse: Deutschland erreichte 2016 gerade einmal 0,70% des BIP für Entwicklungshilfen, wovon ein Großteil für das Bewältigen der Flüchtlingskrise aufgebracht wurde. Die USA kommen 2016 sogar nur auf 0,19% des BIP, die Vereinigten arabischen Emirate führen dagegen mit 1,21%.

Die reiche westliche Welt hat also durchaus noch Potential Entwicklungsländer weit mehr zu unterstützen als das momentan der Fall ist. Die Aufgabe von uns Einwohnern dieser Länder besteht meiner Meinung nach darin, auf diesen Umstand hinzuweisen und unsere Politiker dazu zu bewegen, sich für höhere Entwicklungsgelder einzusetzen. Wie wir in diesem Blogpost gesehen haben, hängt der Rückgang extremer Armut sehr stark mit wirtschaftlichem Wachstum zusammen. Auf diesen Makrovorgang hat ein einzelner Mensch vielleicht wenig Einfluss, man kann jedoch durch Spenden relativ einfach zu den gut gezielten, direkten Geldhilfen beitragen.

Non-Profit Organisationen wie z.B. GiveWell bewerten, wie gut verschieden Hilfsorganisationen gespendetes Geld an wirklich bedürftige Menschen weiterleiten. Neben Kriterien wie Transparenz und nachweisbaren Erfolgen wird bei GiveWell ein besonderer Fokus auf die Idee des effektiven Altruismus gelegt: die Grundeinstellung, Spenden möglichst effektiv zur Glücksmaximierung einzusetzen.

Wenn wir also etwas gegen extreme Armut unternehmen wollen, sollten wir einerseits unsere Mitmenschen auf das vielleicht etwas ins Vergessen geratene Existieren extremer Armut hinweisen und versuchen unsere Politiker zum Handeln zu bewegen. Andererseits sollten wir uns vielleicht auch darüber Gedanken machen, was wir im Leben wirklich brauchen und ob wir das Geld statt für teure Kleidung und Luxusgegenstände, nicht doch lieber dafür einsetzen, dass Menschen in ärmeren Gebieten eine Chance haben an dieser Welt teilzuhaben.

Im nächsten Blogpost schließen wir diese Serie über extreme Armut mit einer Sammlung aller gefundener Fakten und Ergebnisse ab und werden uns dann einem nächsten Problem widmen.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

Wieder ist als Hauptquelle dieses Posts die Publikation auf „Our World in Data“ zu nennen:

  • Max Roser and Esteban Ortiz-Ospina (2017) – ‘Global Extreme Poverty’. Published online at OurWorldInData.org. Retrieved from: https://ourworldindata.org/extreme-poverty/ [Online Resource]

Grundlegende Paper auf denen die Publikation und damit dieser Blogpost aufbaut sind hier zusammengetragen:

  • Bourguignon, François and Christian Morrisson. 2002. „Inequality Among World Citizens: 1820-1992 .“ American Economic Review, 92(4): 727-744. DOI: 10.1257/00028280260344443. Erhältlich hier.
  • Dollar, David and Aart Kray (2002) – Growth is Good for the Poor. In Journal of Economic Growth. September 2002, Volume 7, Issue 3, pp 195–225. Erhältlich hier.
  • Banerjee, A., Duflo, E., Goldberg, N., Karlan, D., Osei, R., Parienté, W., … & Udry, C. (2015). A multifaceted program causes lasting progress for the very poor: Evidence from six countries. Science, 348(6236), 1260799. Erhältlich hier.
  • Clemens, M. A., Montenegro, C. E., & Pritchett, L. (2016). Bounding the price equivalent of migration barriers. Working Paper. Erhältlich hier.
  • Fiszbein and Schady (2009) – Conditional Cash Transfers. World Bank Policy Research Report. Erhältlich hier.
  • Blattman, C., & Dercon, S. (2016). Occupational choice in early industrializing societies: Experimental evidence on the income and health effects of industrial and entrepreneurial work (No. w22683). National Bureau of Economic Research.

Außerdem die Datenbanken der Weltbank und der OECD:

Hier die Website von GiveWell und eine deutsche Seite des effektiven Altruismus:

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